Naturschutzgebiet: Der Zarth

Der Zarth – eine Ruhezone für Wildtiere

Im Gespräch mit Dr. Eberhard Schneider, dem Präsidenten der Gesellschaft zur Förderung des Vogelschutzes, Natur-, Tier- und Lebensschutzes, auch bekannt unter dem Namen Vogelschutz-Komitee e.V.Der Zarth

Wenige Kilometer östlich der Stadt Treuenbrietzen liegt am Rand des Baruther Urstromtals und mitten im Suchraum für den ökologischen Korridor Südbrandenburg ein besonderes Naturschutzgebiet: der Zarth. Charakteristisch für dieses 280 Hektar große Naturschutzgebiet ist der häufige Wechsel von Wald, Gebüsch, Wiese, Moor, Sumpf und offenem Wasser. Aus einigen Quellen tritt Grundwasser aus und speist kleine Fließe, die den Zarth durchziehen. Aus alten aufgelassenen Torfstichen haben sich Seen gebildet. Zwei in Brandenburg inzwischen selten gewordene Waldgesellschaften finden sich hier: Die niederen und feuchten Standorte des Zarth sind mit Erlen- und Erlen-Eschenwäldern bestanden, auf den höheren und trockenen, sandigen Standorten finden sich Stieleichen-Hainbuchenwälder. Beide sind so genannte Sekundärwälder, das heißt, sie sind keine ursprüngliche Natur sondern folgten auf menschliche Nutzungen. Der ZarthFür den Torfabbau waren einst die feuchten Bruchwälder gerodet und geeignete Standorte entwässert worden, um sie für die Waldweide nutzen zu können. Durch die weidenden Schweine, Pferde und Schafe entstand ein lichter Hutewald. Die Nutzungen wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufgegeben und die heutigen Waldflächen sind das Ergebnis natürlicher Wiederbewaldung.

In diesem kleinteiligen Mosaik aus verschiedenen Lebensräumen hat sich eine Artenvielfalt eingestellt, die in der Region ihres gleichen sucht. Hier finden seltene Vogelarten: Im Zarth sind 90 Arten heimisch, vom Eisvogel über Turteltaube, Kranich, Wiesenpieper  und Waldschnepfe bis hin zum Schwarzstorch, darunter gehört die Hälfte zu den Wiesenbrütern. Auch seltene Orchideenarten wie das breitblättrige Knabenkraut wurden hier nachgewiesen.

Bis 2007 gehörte der Zarth, den viele hier den Teufelswald nennen, weil sich der Name vom slawischen Wort „tschert“ oder „tschort“ für Teufel herleitet, der Stadt Treuenbrietzen. Als die Kommune ihn zum Verkauf anbot, wollte lange niemand das Naturschutzgebiet erwerben. Dann trat das Vogelschutzkomitee e.V. aus Hamburg auf den Plan. Es war nicht allein die Vielfalt an Brutvogelarten, die den Verein unter Leitung des promovierten Biologen Eberhard Schreiber zum Kauf des Naturschutzgebietes bewog. Man wollte den Zarth als einen ungestörten Rastplatz für Zugvögel sichern, von denen es aus Sicht der Vogelschützer viel zu wenige gibt. „Für ihren Zug brauchen die Vögel solche Trittsteine, wo es Ruhe gibt. Auch wenn die 280 Hektar nur ein Nadelstich auf der Landkarte sind, sind sie doch überaus nötig. Unsere Strategie“, betont Schreiber „ist der Lebensraumschutz. Ohne Wald und Wiesen gibt es hier keine Vögel. Wenn unten das Substrat fehlt, bricht oben Vieles weg.“ Richte man seinen Blick nicht auf das Ganze der ökologischen Funktionen und Arten, seien auch Lebensräume und Brutreviere für einzelne Vögel nicht dauerhaft zu sichern. Daher spielt der Flächenkauf für das Vogelschutzkomitee eine zentrale Rolle. Mit dem Zarth hat der Verein nun neben Flächen im Rhinluch und am Rande des Oderbruchs eine dritte „Vogeloase“ in Brandenburg für den Naturschutz erworben.

Als er vom Projekt Ökologischer Korridor Südbrandenburg Kenntnis bekam, war es für Dr. Schreiber nur ein konsequenter Schritt, dass der Verein den Zarth als einen Trittstein in diesen Lebensraumverbund integriert. Es passte alles genau: Die Philosophie, Wildnisinseln in der Der ZarthKulturlandschaft zuzulassen und zu vernetzen, die Lage des Gebietes mitten im anvisiertem Wald und unweit südlich vom Gewässerkorridor und auch die Einsicht, dass die wilden Kernzonen ihr Potenzial als Lebensraum nur voll wir ausschöpfen können, wenn sich ein naturnahes Artenspektrum wieder einstellt, also Zuwanderung und Populationsaustausch wieder ermöglicht werden. Mit dem Fischotter wurde bereits eine erste Leitart für den ökologischen Korridor im Gebiet nachgewiesen. Der Biber wird sicher nicht mehr lange auf sich warten lassen, „er soll und darf in den Zarth“, betont Dr. Schreiber, aber hineintragen wird er ihn nicht. „Die kommen von selber“, da ist er überzeugt. Nicht zu letzt, weil andere Waldbesitzer den Biber aus wirtschaftlichen Gründen eben nicht dulden können. Da die Wasserhaltung im Zarth wie in den meisten entwässerten Moorstandorten ein Problem ist, ist der Biber auch wegen seines Baugeschicks gern gesehen. Seine Dämme helfen, den Wasserrückhalt in der Landschaft zu verbessern. Platz hätte der Biber hier wohl genug. „Um das Wasser müssen wir uns kümmern“, betont Dr. Schreiber. Die Fließe im Zarth werden durch Quellaustritte gespeist, deren Einzugsgebiete bis in den Fläming reichen. „Die Absenkung der Grundwasserspiegel im Umland, die Wasserentnahme durch die Landwirtschaft und die vielen Kiefermonokulturen, die kaum zur Grundwasserneubildung beitragen, sind ein nicht zu unterschätzendes Problem.“ Aber hier brauche es viel größere Anstrengungen und Projekte als ein kleiner Verein wie das Vogelschutz-Komitee stemmen könnte.

Für Dr. Schreiber ist es erstmal wichtig, die alte Naturschutzverordnung von 1954 durch eine neue zu ersetzen, in der der Prozessschutz als Hauptziel verankert sein wird. Dann wird auch das Rotwild bessere Einstandschancen haben, denn die Jagd wird der Verein auf seinen Flächen nur noch eingeschränkt  nach ökologischen Gesichtspunkten zulassen. Störungen des jagdbaren Wildes sollen auf ein Minimum reduziert werden. Das wird umso wichtiger, wenn neue Wildtiere wie Wolf, Luchs oder Wildkatze auftauchen, für welche die Ruhezonen sehr wichtig sind. Daher ist es auch angemessen, das gesamte Gebiet als eine Ruhezone für Wildtiere neben andern im Netz des Ökologischen Korridors Südbrandenburg aufzufassen.

Der Zarth

Der Prozessschutz, die „ungestörte Entwicklung der Lebensgemeinschaft aller Pflanzen und Tiere im natürlichen Ablauf der Stoff- und Energiekreisläufe“ werden allerdings auch Auswirkungen auf die Vogelwelt haben. Wie erwähnt, sind fast die Hälfte der Brutvogelarten im Zarth Wiesenbrüter. Die wertvollen Wiesengesellschaften mit Orchideen, Teufelsabbiss, Färberscharte und anderen seltenen Pflanzenarten lassen sich nur erhalten, wenn sie auch bewirtschaftet werden. „Durchwachsen die Wiesen, nimmt ihre Diversität ab. Und mit dem Prozessschutz wird dies eintreten“, sagt der Biologe, der sich selbst auch an der Pracht der Wiesen vor allem aber an den vielen Schmetterlingen erfreut. Derzeit werden noch 50 Hektar Wiesen im Zarth bewirtschaftet. Entlang des Hauptweges durch das Naturschutzgebiet, den die Treuenbrietzener ohne Weiteres nutzen können, um die Natur zu genießen, kann sich Dr. Schreiber durchaus vorstellen an der Wiesenmahd als Biotopschutzmaßnahme festzuhalten.Der Zarth Aber solch eine Offenhaltung kostet Geld. „Ökonomisch rechnet sich das für einen Landwirt nicht. Ohne eine öffentliche Beteiligung in Form von Zuschüssen aus dem Vertragsnaturschutz wird es nicht gehen.“

So wichtig dem Verein Prozessschutz und Wildnis als Leitbilder auch sind, Kompromisse, die dem Biotopschutz und den Naturfreunden zu Gute kommen, sind keinesfalls ausgeschlossen. Manch eingewanderte Tierart kann man eben nicht einfach machen lassen, so zum Beispiel den Waschbären. Der Räuber ist ein ausgezeichneter Kletterer und durchaus eine Bedrohung für die Kranichgelege sowie für den äußerst seltenen Schwarzstorch, der im Zarth einen Horst im Kronenbereich eines Baumes errichtet hat. Ein Wegfangen oder gar der Abschuss kam für den Verein nicht in Frage, schon allein, weil dies keine dauerhaften Lösungen wären. Schließlich wurde eine spezielle Manschette aus Stahl um den Baumstamm gelegt, die der Waschbär nicht zu überwinden vermag.

Prozessschutz im Zarth ist, wie die Arbeit am gesamten Ökologischen Korridor Südbrandenburg, eben kein Selbstläufer. Er verlangt vielmehr tägliche Arbeit und Überlegung.



Vogelschutz-Komitee e.V.Kontakt:
Vogelschutz-Komitee e.V.
Regionalbüro Brandenburg
Nauener Str. 25A
16833 Linum
www.vogelschutz-komitee.de

Der Text wurde vom Vogelschutzkomitee bisher nicht autorisiert.


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