Portrait WWF

Wildnis ist ein Teil der Kulturlandschaft

Im Gespräch mit Peter Torkler von WWF Deutschland über Anknüpfungspunkte für den Ökologischen Korridor Südbrandenburg östlich der Oder

Der Ökologische Korridor Südbrandenburg wird an die Landesgrenze zu Polen stoßen; aller Voraussicht nach zwischen den Städten Guben an der Neiße und Eisenhüttenstadt an der Oder. Soll der Korridor zukünftig in einem europaweiten Biotopverbundsystem eine ökologische Funktion erfüllen, ist bereits jetzt die Suche nach geeigneten naturnahen Landschaften und Wildnisarealen östlich von Oder und Neiße vonnöten. So könnte der Korridor auf polnischem Staatsgebiet weitergeführt werden.
Peter Torkler ist in der Berliner Vertretung des World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) tätig. Seines Erachtens gibt es durchaus geeignete Anknüpfungspunkte für den Korridor, vor allem der Krzesinski Landschaftsschutzpark im Mündungsgebiet von Oder und Neiße sowie die Niederungen der Flüsse Pliszka und Iljanka, die etwas weiter stromabwärts in die Oder fließen.Portrait WWF

Durch die Mitarbeit im langjährigen, von der DBU geförderten Naturschutzprojekt „Grünes Band Oder Neiße“, in dem der WWF gemeinsam mit polnischen Naturschützern ein ökologisches Entwicklungskonzept für das deutsch-polnische Grenzgebiet entwarf, kennt Peter Torkler das Naturpotential dieser Region gut. „Nach dem 2. Weltkrieg wurde der stark zerstörte Grenzraum auf polnischer Seite kaum wieder aufgebaut und wirtschaftlich entwickelt. Die Sowjetunion hatte damals daran kein Interesse. Es entstanden viele Wildnisbereiche in einer Landschaft, die zu deutscher Zeit intensiv genutzt worden war“, so der Geograf. Der Krzesinski Landschaftsschutzpark, dessen Herzstück ein ca. 3.000 ha großes Auengebiet der Oder ist, entstand zum Beispiel aus einem alten Flusspolder. An den Flüssen Pliszka und Iljanka standen über Jahrhunderte eine ganze Reihe von Wassermühlen, mit all den notwenigen Wehren und Staubecken. Diese Kulturlandschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten nahezu in eine Naturlandschaft zurückverwandelt. „Vor allem die Niederungen der beiden kleinen Flüsse sind gute Beispiele, wie die Natur sich die Flächen zurücknimmt, die der Mensch nicht mehr nutzt“, so Peter Torkler. Die Flussläufe bieten Fischotter und Biber beste Lebensräume, ihre Populationen sind hier stabil. Mancherorts deuten sich aber auch in dieser dünn von Menschen besiedelten Landschaft Probleme an, etwa wenn Biber sich an den Deichanlagen zum Hochwasserschutz zu schaffen machen.

Aber nicht nur die Feuchtgebiete und Niederungen bieten gute Voraussetzungen für einen grenzüberschreitenden ökologischen Korridor. Mit einem Waldanteil von gut 45% gehört diese Region zu den waldreichsten Gebieten im Westen Polens. Zwar dominieren wirtschaftlich intensiv genutzte Kiefernforste, aber sie sind sehr weitläufig und nur von wenigen Wegen zerschnitten. Eigentlich gute Voraussetzungen für den Wolf, der seit Jahren versucht, sich hier fest zu etablieren. „Die deutsch-westpolnische Wolfspopulation zählt mit weniger als 70 Wölfen zu den kleinsten der 10 in Europa existierenden Wolfspopulationen und gilt als vom Aussterben bedroht“, weiß Peter Torkler von seiner Kollegin und Wolfsspezialistin Izabela Skawinska-Luther. Ob sie Zulauf bekommen werden, ist selbst bei den Wolfsspezialisten umstritten; es ist offen, ob der direkte Wanderkorridor von Ostpolen nach Ostdeutschland es noch ermöglichen kann. Der ökologische Korridor Südbrandenburg wäre ein wichtiger westlicher Baustein für eine europaweite Vernetzung der Lebensräume des Wolfes. „Was den Norden anbelangt, wird der WWF selbst aktiv. Wir arbeiten derzeit an einem Projekt, das über die Rückkehrtendenzen informieren und die Entwicklungsmöglichkeiten der Wolfspopulation in der Uckermark und Vorpommern untersuchen wird“, so Peter Torkler. Der Erfolg beider Projekte hängt in nicht geringem Maß davon ab, wie sich die Infrastruktur in der Grenzregion entwickeln wird. Vor allem auf polnischer Seite sind verstärkte Investitionen in den Ausbau des Straßennetzes zu erwarten. Um die damit verbundenen Probleme zu lösen, Grünbrücken oder Unterführungen durchzusetzen, bedarf es einer intensiven Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Naturschützerinnen und Naturschützern.

Portrait WWF„Wildnis sollte ein integraler Bestandteil der modernen Kulturlandschaft werden“, da lässt sich Torkler nicht beirren. „Es geht darum, beides miteinander zu verknüpfen, und das Zusammenspiel zu fördern. Wildnisflächen sind keine Fremdkörper sondern als Rückzugsgebiete für wandernde Tierarten wichtige funktionale Bestandteile der Kulturlandschaft. Ihre Existenz hilft Konflikte in anderen Landschaftsteilen zu vermeiden.

Der Text beruht auf einem Gespräch mit Peter Torkler im Dezember 2007.

 

 




Kontakt:
WWF Deutschland
Große Präsidentenstraße 10
10178 Berlin

 

Bilder zum Krzesinski Landschaftsschutzpark >>>

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail