Zu den Leitarten im Projekt „Ökologischer Korridor Südbrandenburg“

Der Rothirsch (Cervus elaphus)

Der Rothirsch ist in Deutschland zwar nicht in seinem Bestand gefährdet, wird jedoch wie kaum ein anderes Tier in seinem Verhalten eingeschränkt. Die Vorkommen sind voneinander isoliert und dem Rothirsch sind in Deutschland nur noch 28 % seines ursprünglichen Lebensraums geblieben, in Europa sogar nur 9%. Große zusammenhängende Gebiete in denen Rotwild geduldet wird, gibt es nur noch in Ostdeutschland. Im Süden Brandenburgs existiert noch ein weitgehend geschlossenes Vorkommen mit besonders hoher Bedeutung für ganz Mitteleuropa.

Leitart Rothirsch

Rothirsche bevorzugen offene, reich strukturierte Landschaften sowie lichte Waldgebiete. Weite Wanderungen zwischen den saisonal bevorzugten Lebensräumen von 50 km sind keine Seltenheit, selbst Wanderungen von über 120 km sind dokumentiert. Bis auf die älteren männlichen Tiere, die sich nur zur Brunft den Weibchen anschließen, leben Rothirsche ganzjährig in Rudeln.

Durch den Neu- und Ausbau der Verkehrswege wurden zahlreiche Wildwechsel, auf denen die männlichen Hirsche von ihren Sommerlebensräumen (Feisteinständen) zur Brunft zogen, unpassierbar gemacht. Rothirschpopulationen sind daher von genetischer Verarmung bedroht. Seit alters her sind sogenannte „Fernwechsel“ des Rotwildes bekannt und auch heute noch versuchen immer wieder einzelne Tiere, auf diesen Wechseln in andere Gebiete zu gelangen. Die großräumigen Wanderbewegungen, vor allem junger Hirsche, sind im Hinblick auf den genetischen Austausch sehr wichtig. Bei Streifgebieten von über 10 km² müssen die Tiere zum Teil täglich viel befahrene Bundesstraßen überqueren.

Der Ökologische Korridor Südbrandenburg soll ermöglichen, dass Rothirsche ihr arttypisches Wanderverhalten wieder zeigen. Der Rothirsch kann auch als Zielart herangezogen wenn es um die Erfordernis und Gestaltung von Wildquerungsbauwerken geht. Hinsichtlich der Dimensionierung von Querungsbauwerken stellt der Rothirsch unter den in Deutschland heimischen Säugetierarten die höchsten Ansprüche.

Der Wolf (Canis lupus)

Ursprünglich war der Wolf eines der am weitesten verbreiteten Säugetiere der Erde. Eine schonungslose Jagd hat ihn jedoch vielerorts ausgerottet. Heute leben Wölfe meist zurückgedrängt in abgelegenen Gebieten. Dass dies nicht immer so sein muss, zeigen Beispiele aus Italien, Spanien, Portugal oder Kroatien, wo Wölfe auch in dichter besiedelten Landstrichen leben. Der letzte deutsche Wolf wurde 1904 bei Hoyerswerda (Sachsen) erlegt. Es folgte ein Jahrhundert ohne sich fortpflanzende Wölfe in Deutschland. Doch immer wieder versuchten einwandernde Wölfe in Deutschland Fuß zu fassen. Zwischen 1945 und 1999 wurden 29 Wölfe auf ihrem Weg nach Westen erschossen, gefangen oder überfahren.

Leitart Wolf

1998 wurden in der Muskauer Heide (Sachsen) erstmals wieder zwei Wölfe zusammen gesehen. Im Jahr 2000 wurden hier die ersten jungen Wölfe geboren. Ein weiteres Rudel lebt seit kurzem an der brandenburgisch-sächsischen Landesgrenze. Aus dem Raum Jüterbog liegt der erste sichere Nachweis eines Wolfes vor und es besteht Hoffnung, dass sich hier ein weiteres Rudel etabliert.

Wölfe jagen und leben in Rudeln. So können sie auch Beutetiere jagen, die deutlich größer sind als sie selbst. Hinsichtlich der Lebensräume sind Wölfe flexibel. Ihr Vorkommen ist abhängig von einer geringen Fragmentierung des Waldes und von einer geringen Dichte von Dörfern, Städten, Autobahnen und Bahnlinien. Jungtiere wandern meist in einem Alter von 9 bis 36 Monaten aus dem elterlichen Rudel ab. Sie wandern täglich durchschnittlich 25,7 Kilometer. Einige Experten meinen, dass die Tiere entlang von Korridoren wandern, deren Kenntnis von Generation zu Generation weitergegeben wird. In Einzelfällen können während der Wanderung bis zu 200 Kilometer täglich zurückgelegt werden. Die Beobachtung einer 8.000 km langen Wanderung einer Wölfin quer durch Nordamerika führte zu der Idee des Wildtierkorridors „Yellowstone to Yukon“ (Y2Y) – mit einer Durchlassbreite von bis zu 800 Kilometern eines der größten Korridorprojekte weltweit.

Trotz der bisher erfolgreichen Rückkehr ist der Wolf das seltenste Säugetier Deutschlands geblieben. Wölfe sind in Europa nach der Berner Konvention (Anhang II) und der FFH-Richtlinie (Anhang II, IV) streng zu schützen. Der Ökologische Korridor Südbrandenburg wird einen der wichtigsten Ausbreitungswege des Wolfes sichern und einen Beitrag dazu leisten, dass Wölfe in einer ausreichenden Bestandsgröße in Ostdeutschland Fuß fassen können.

Fischotter (Lutra lutra)

Fischotter kommen heute wieder an den meisten geeigneten Gewässern Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Sachsen-Anhalts und Sachsens vor. Nach einem dramatischen Rückgang in ganz Mitteleuropa haben sie sich in den letzten Jahren hier sogar wieder ausbreiten können. Im Westen Deutschlands und in vielen anderen Ländern Mitteleuropas ist die Situation des Otters bei weitem nicht so günstig.

Leitart Fischotter

Den Ottern macht ein Faktorengefüge aus der starken Belastung von Gewässerorganismen mit Schadstoffen, dem Tod in Reusen und dem Rückgang der Nahrungstiere zu schaffen. Die größte und tendenziell ansteigende Gefährdung liegt jedoch im Straßenverkehr. Die Zahl der durch den Straßenverkehr zu Tode gekommenen Otter hat dramatisch zugenommen. Dies ist eine Folge der rasanten Steigerung der Mobilität in Ostdeutschland. Derzeit sind zwischen 68 % und 81 % der tot aufgefundenen Otter Verkehrsopfer.

Der Aktionsraum ausgewachsener Fischotter beträgt bei männlichen Tieren zwischen 40 und 80 km Gewässerufer, bei Weibchen etwa 20 km. Nächtliche Streifzüge von bis zu 20 km sind keine Seltenheit. Teilweise folgen Fischotter den Wasserläufen, teilweise durchstreifen sie aber auch die Uferregion, wechseln zwischen verschiedenen Gewässern oder überwinden Wasserscheiden. Bei solch weiträumigen Aktivitäten sind Otter gezwungen, regelmäßig Verkehrswege zu queren. Jungtiere sind noch stärker durch den Verkehr gefährdet als Alttiere. Dies hängt vermutlich mit der geringeren Erfahrung zusammen. Auch die Notwendigkeit auf der Suche nach einem eigenen Territorium weite Strecken zurückzulegen, erhöht die Gefahr.

Die überwiegende Zahl der Otter kommt unmittelbar an Gewässern zu Tode. Sie verlassen vor Brücken das Wasser und überqueren die Straße, weil Brückenbauwerke nicht adäquat als Otterpassagen gestaltet sind. Diese Todesopfer ließen sich zu einem großen Teil vermeiden, wenn alle Brückenbauwerke gemäß den Vorgaben des Runderlasses des Landes Brandenburg (MSWV 2002) gestaltet würden.

Es ist bekannt, dass Otter auf ihren Wegen zwischen guten Nahrungsgewässern weite Wege über Land laufen. Die Verbindungswege über Land sind für den Populationsaustausch wichtig. Hier können Wildniskorridore und Grünbrücken an neuralgischen Punkten etwas zum Otterschutz beitragen. Ein wichtiges Ziel des Ökologischen Korridors Südbrandenburg ist es, die Durchgängigkeit der Gewässerachsen zu sichern. Entlang der Gewässerläufe sollen mehr Flächen für eine Wildnisentwicklung zur Verfügung gestellt werden, auch um in den Lebensräumen des Otters die konfliktträchtigen Kreuzungen mit Verkehrswegen zu entschärfen.

Biber (Castor fiber)

Die Biber wurden fast überall in Mitteleuropa ausgerottet. Mit Ausnahme eines kleinen Rückzugsareals an der mittleren Elbe waren sie aus allen deutschen Gewässern verschwunden. Die Bereiche der Unteren Havel und der Schwarzen Elster wurden von der sich erholenden Population an der mittleren Elbe Ende der 1960er Jahre besiedelt. Von hier ausgehend siedelten sich die Biber auch in Südbrandenburg an. Durch gezielte Schutzmaßnahmen konnten sich  kleine Bestände begründen, die sich nun wieder langsam ausbreiten. Der Bestand in ganz Brandenburg wurde 1995/96 auf ca. 1200 Tiere in 370 Ansiedlungen geschätzt.

Biber sind sehr eng an den Lebensraum Fließgewässer gebunden. Bevorzugt werden Auen. Ab 30 cm Wasserstand ist eine ausreichende Schwimmtiefe vorhanden. Im Winter bei Vereisung sind 50 cm Wassertiefe das Minimum. Biber sind die größten Vertreter der Gruppe der Wühlmäuse. Sie sind Vegetarier und leben überwiegend von Pflanzen, die sie im Wasser oder in der Uferzone finden. Weichhölzer sind insbesondere als Winternahrung wichtig. Biber können durch den Bau von Dämmen ganze Talräume zu ihren Gunsten gestalten, für eine Entwicklung als Wildnisgebiet optimale Voraussetzungen.

Leitart Biber

Biber leben in Familiengruppen. In der Regel rechnet man pro Familie einen Lebensraumbedarf von 1 bis 4 Kilometer Fließgewässerstrecke. Junge Biber werden mit 11 bis 23 Monaten aus dem Familienverband abgedrängt und wandern ab. Abwandernde Elbebiber legten auf Reviersuche im Schnitt 25 Kilometer zurück. Maximal wurden Wanderentfernungen von 170 Kilometern nachgewiesen.

Aufgrund ihrer unbeholfenen Fortbewegung an Land, entfernen sich Biber nicht weit von Gewässern, um jederzeit dorthin flüchten zu können. Aus diesem Grund überwinden Biber auch nur sehr selten größere Entfernungen zwischen Gewässern und orientieren sich bei ihren Wanderungen meist an Gewässern. Ziel des Ökologischen Korridors Südbrandenburg ist es, den Biber als einen der wichtigsten Wildnisgestalter wieder in Lebensräume zurückkehren zu lassen, in denen er ausgerottet wurde und eine bessere Verknüpfung der Gewässerlebensräume für Biber sicherzustellen.

Anmerkung: Teile der hier dargestellten Informationen wurden im Rahmen des F & E Vorhabens des Deutschen Jagdschutz-Verbandes e.V. und des Bundesamtes für Naturschutz „Bewältigung räumlich-funktionaler Beeinträchtigungen durch Ableitung von dauerhaften, effizienten Maßnahmen zur Vermeidung und Kompensation“ durch Herrmann, M. & Matthews, A. erarbeitet.

Die Autoren
Dr. Mathias Herrmann, ÖKO-LOG Freilandforschung, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Karl Scheurlen, IUS Weibel & Ness, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
Der Text wurde für das Internet bearbeitet. Eine ausführliche Fassung mit den entsprechenden Quellennachweisen finden sie hier:

 

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Hirsch, Wolf, Otter, BiberDie Leitarten im Projket130 Kb

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